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Eine Kopie ist eine Kopie ist eine Kopie

Vor mir liegt ein leeres Blatt Papier. Gefühlt liegt es schon seit Monaten vor mir. Konkret seitdem ich mich gedanklich damit beschäftige, den nächsten Blogbeitrag zu schreiben. Oder besser, den nächsten Blogbeitrag anders zu schreiben. So sitze ich also vor einem leeren, weißen Blatt und habe keine Idee.

So, wie man es auch von Künstler*innen hört, die vor der leeren Leinwand stehen, die auf nichts mehr als auf den ersten Hauch Farbe wartet, die vor einem Stück Kirschholz sitzen, in dem sich die ersehnte Skulptur verbirgt, oder vor dem ebenso leeren Skizzenheft, das demnächst, sofern die Kreativität ihr Stelldichein gibt, eine Zeichnung enthält, die als Vorlage für eine Installation dient. Diese Momente der kreativen Verzögerung sind in der Literatur fast so oft beschrieben, wie der Regen in englischen Romanen.

Kreativität erfordert ihre Zeit und ihren Raum. Aber woher kommt sie? Welcher Teil in unserem Gehirn entscheidet darüber, wie und wann welcher Satz das Papier oder welche Farbe, welches Thema oder Sujet das Bild bespielt? Ist es das Gehirn oder ist es die Intuition? Offensichtlich ist es beides. Kreativität, so habe ich gelernt, ist Teamarbeit im Kopf. Der Tagträumer (Default Mode Network) entwickelt wilde Ideen und die innere Lektorin bewertet sie. Mittendrin mischt sich die Intuition ein. Sie setzt sich zusammen aus den Basalganglien, d.h. den Nervenkernen im Gehirn, die ein wichtiger Schalter für Bewegungen, Gefühle und das Denken sind, der Amygdala im limbischen System des Gehirns, die als Schaltstelle für Emotion, Gefahren und Stressreaktionen zuständig ist, und der Insula in der Großhirnrinde, die körperliche Empfindungen mit Gefühlen und Gedanken verknüpft. Im Miteinander liefern sie blitzschnell ein Bauchgefühl. Und das oft, bevor das bewusste Denken einsetzt. Die Intuition ist demnach also keine Magie, sondern vielmehr verdichtete Erfahrung, trainiert durch unzählige Stunden Übung. Deshalb sehen erfahrene Künstler*innen sofort, ob ein Werk funktioniert oder eben auch nicht. Gehirn und Bauchgefühl arbeiten als eingespieltes Team miteinander. Einem Team, dem man vermutlich öfter vertrauen sollte.

Das ist ausgesprochen interessant. Und es beruhigt. Aber wie komme ich jetzt mit meinem Blog weiter? Mit meiner mich zu diesem Zeitpunkt noch zutiefst irritierenden Idee, zukünftig monatlich Blogbeiträge schreiben zu wollen. Und sie mit Worten zu füllen, die den Menschen, für die ich schreibe, einen Mehrwert liefern. Die sie involvieren, informieren und sie inspirieren, sich schon heute auf den nächsten Beitrag zu freuen.

Und da fängt es gleich wieder an. Der nächste Beitrag! Der letzte Blogbeitrag liegt über ein Jahr zurück. Von da an konnte ich nicht mehr schreiben und wollte nicht mehr schreiben. Die Ursache war und ist einfach, das Eingeständnis hingegen umso schwerer. Denn ich habe das getan, wovon ich jeder Künstlerin und jedem Künstler abrate. Ich habe mich selbst kopiert und zitiert. Ich habe Auszüge aus meinem Buch „Von Kunst leben“ als Blogartikel veröffentlicht. Das war die erste Sünde. Oder um es zu säkularisieren: Das war die erste Fehlleistung. Als ich es selbst nicht mehr aushalten konnte, habe ich das Schreiben oder besser das Kopieren eingestellt. Das fiel mir leicht, aber zeitgleich quälte mich ab sofort ein weiterer Widerspruch.

Ein Blog oder ein Newsletter, so sage ich es, oder nein, so predige ich es in jedem meiner Seminare, sollte, wenn man ihn einmal angefangen hat, immer genauso wie angekündigt, Woche für Woche, Monat für Monat oder in welchem Rhythmus auch immer, weitergeführt werden. Klar, es kann hier und da mal Ausnahmen geben. Aber das, was man sich und vor allen Dingen seinen Abonnentinnen, Followerinnen, Käufer*innen etc. ankündigt, sollte man auch umsetzen. Sagte und sage ich. Und tat es nicht. Eigentlich hätte ich bei jeder dieser Behauptungen im tiefsten aller Rottöne erröten müssen. Denn als Coach sollte ich das, was ich sage und behaupte, auch leben. Ich sollte ein Vorbild und idealerweise ein gutes Vorbild sein. Bin ich aber nicht. Und zu behaupten, dass ich es werden würde, wäre eine kühne Behauptung. Also lasse ich es besser.

Zu meinem großen Bedauern ist diese Geschichte noch immer nicht zu Ende. Denn zudem behaupte ich, dass ich vom Schreiben komme und dass ich es liebe, zu schreiben. Ich habe es nur leider lange nicht getan. Solche Lebensphasen gibt es. Ihr kennt sie vielleicht auch. Man wünscht sich, etwas zu tun. Aber es nicht einfach nur zu tun, sondern es aus einer tiefen Leidenschaft zu tun. Aus dieser erhebenden Freude und Erfüllung, die man erlebt, wenn man kreativ arbeitet. Und doch gibt es hier und da Momente, Themen oder Menschen, die uns ablenken und abhalten. Und ganz wesentlich auch uns selbst, die wir uns von Zeit zu Zeit daran hindern, das zu tun, was wir nicht nur als große Freude, sondern auch als Priorität in unserem Leben sehen.

Nun ist es getan. Meine Fehler sind erkannt und endlich benannt. Auf jedes Bekenntnis folgt bekanntlich ein Neuanfang. Die Tat. Zukünftig werde ich also regelmäßig, in einem noch zu überdenkenden Rhythmus, meine Blogbeiträge schreiben. Heute behaupte ich, ich freue mich darauf. Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und formuliere es lieber so: Es scheint, als hätten sich Gehirn und Bauchgefühl zusammengeschlossen, Nachsicht walten und einen Funken überspringen lassen. Und zwar genau den Funken, den es brauchte, um den nächsten Schritt zu gehen. Denn plötzlich sind sie da, die Themen auf die ich Lust habe, die mich interessieren, die mich herausfordern, die mir Freude machen und die ich gerne mit allen Künstler*innen teilen würden, die Spaß daran haben, sie zu lesen.

Der erste Blog, in meinem zweiten Leben als Bloggerin, handelt von meinen Schwächen und von den mir selbst auferlegten und dann doch vernachlässigten Blogbeiträgen. Aber er handelt auch von dem mangelnden Mut, über die Themen zu schreiben, die mich neben dem Kunstmarkt und dem Marketing beschäftigen. Über Themen, die nicht im direkten Zusammenhang mit der Selbstvermarktung stehen, aber dennoch auf das Feinste auf dieses Konto einzahlen. Die sozusagen das Salz in der Suppe sind. Und das sind z.B. Fragen, woher die Inspiration und die Intuition kommen, warum wir zweifeln und wofür es gut ist, warum wir uns lieber nach außen als nach innen orientieren, warum wir Angst vor Ablehnung haben, was Motivation und was Erfolg bedeutet, warum es wichtig ist, an sich und die eigene Arbeit zu glauben, oder warum wir keinen oder zu wenig Mut haben. Es gibt so viele Fragen, die das Leben stellt. Fragen, auf die es bestimmt nicht nur eine Antwort gibt. Aber die es aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten lohnt. Fragen, deren Antworten uns in dieser auf der einen Seite sehr feinen Welt der Kunst und auf der anderen Seite sehr undurchsichtigen, geschäftstüchtigen, von Neid zerfressenen, von Widersprüchen erfüllten und auf vielen anderen Ebenen herausfordernden Welt vielleicht auch ein wenig das Rückgrat stärken können. Fragen, die das kreative Leben stellt. Und die zu betrachten ich mich freue. Behaupte ich. Kühn.